Hannah und Marius sind keine gewöhnlichen Weltenbummler. Das junge Paar aus Hamburg reist per Fahrrad, ob an der amerikanischen Westküste, durch Europa oder als aktuelles Abenteuer in Südamerika. Auf ihren Touren setzen die CyclingCountryCollectors unter anderem auf Werkzeug, Fahrradteile und Equipment aus dem Hause CONTEC und berichten über ihre Abenteuer auf unserer Website. Im neuesten Gastbeitrag schildern Hannah und Marius unter anderem ihre eindrucksvollen Erlebnisse von der Fahrt durch die Salar de Uyuni, der größten Salzpfanne der Erde.

Ein Pilgerziel für Radfahrer

Jeder Radreisende, der Südamerika durchquert, fährt auch durch die Salar de Uyuni, die größte Salzpfanne der Erde. Dieser Ort ist einzigartig, denn man kann kilometerweit blicken und sieht nur das weiße Salz auf dem Boden und den blauen, wolkenlosen Himmel, der sich darüber spannt. In Europa kennen wir fast nur bebauten oder landwirtschaftlich genutzten Boden. Wo gibt es noch so große Freiflächen? Was die Natur hier angestellt hat, kann man gar nicht glauben, man muss es sehen. Eine Welt aus Salz. Es gibt keine Tiere, denn nichts kann hier leben, auch Vegetation hat sich hier nicht behaupten können. Umso skurriler wirken die Inseln, die in der Ferne aus dem Weiß hervorragen, kleine Sandhügel, auf denen ein paar trockene, kleine Sträucher und Gräser der unbarmherzigen Natur trotzen und mit ihrem Blättern Sonne tanken. Denn Licht gibt es hier wahrlich genug, der Boden reflektiert die Strahlen, sodass wir uns gar nicht dick genug mit Sonnencreme einschmieren können.

Bisher hat Bolivien uns als Radfahrer ganz schön das Fürchten gelehrt. Zweimal sind wir bisher auf einer geteerten Straße gefahren, alle anderen Straßen waren Sanddünen, in die man ein Verkehrsschild gesteckt und sie so als vermeintlich befahrbar deklariert hat.

In letzter Zeit konnten wir nur auf solchen Sandpisten fahren (oder eher schieben). Sie haben die Oberflächenstruktur eines Waschbretts, da der Sand von den Autoreifen in kleine Wellen aufgeworfen wurde. Also hoppelt man als Fahrradfahrer alle 30 cm über so eine Welle. Aus diesem Grund haben wir uns auf die Salzwüste besonders gefreut: Endlich ein platter, fester Boden! Aber schon am ersten Tag müssen wir feststellen, dass Salz viele Konsistenzen haben kann. Einmal scheint der Boden fest, aber als wir darauf treten, brechen wir einige Zentimeter ein in eine weiche Schicht, die unter der Kruste verborgen war. Es ist, als hätten wir mit einen Löffel in eine Crème brûlée gestochen. Salz kann in Verbindung mit Wasser auch einen Schlick bilden, in dem man dann stecken bleibt. Meistens aber liegt es in durch dünnen Rillen abgetrennten Salzplatten vor uns. Durch die Salar de Uyuni führen auch Straßen, was aber ziemlich sinnlos ist, da der Untergrund sich nicht von der restlichen Salzwüste unterscheidet, sondern nur der dunkle Reifenabrieb eine graue Spur durch die weiße Fläche zeichnet. Man kann also genauso gut ein paar Meter neben der Straße fahren. Drei Tage brauchen wir für die Durchquerung. Pro Tag und Person haben wir jeder vier Liter Wasser dabei, denn zwischendurch mal eben irgendwo auffüllen geht nicht. Wasserknappheit gehört ja per Definition schon zu einer Wüste. Zusätzlich schleppen wir auch das Essen für mehrere Tage, es gibt Nudeln mit Tomatensoße zum Abendessen und Haferbrei zum Frühstück. Unsere Versorgung ist damit eben so karg wie die Landschaft und am dritten Tag ist auch die erste Euphorie vergangen und es wird sogar ein bisschen langweilig. Obwohl wir den ganzen Tag in die Pedale treten, nehmen wir gar keinen Fortschritt wahr. Distanzen einzuschätzen ist sehr schwierig, wenn die Landschaft keine Orientierungspunkte bietet. Der Vorteil ist, dass man sich auch nicht verirren kann, solange man sich am Stand der Sonne orientiert.

Nachts haben wir bei der Suche nach einem Zeltplatz freie Auswahl: es sieht sowieso alles gleich aus. Hier gibt es im Umkreis dutzender Kilometer keine Stadt, der Himmel ist klar und da keine Luftverschmutzung vorliegt, sehen wir Millionen Sterne, die sich so dicht zusammen drängen, als wäre gar kein Himmel mehr dazwischen. Über unserem Zelt leuchtet die Milchstraße. Spätestens jetzt bin ich überzeugt, dass die Salar de Uyuni ihren Ruf als Radfahrer-Pilgerziel verdient hat.

Auf einen anderen Höhepunkt Boliviens müssen wir leider verzichten. In den letzten Monaten haben wir immer wieder über die Lagunen-Route gesprochen, die sich entlang der bolivianisch-chilenischen Grenze zieht und landschaftlich unvergleichlich schön sein soll. Allerdings sind die Straßenverhältnisse dort noch schlechter, als wir es bisher von Bolivien gewöhnt sind und die letzten drei Monate haben uns mehrmals gelehrt, wo unsere Grenzen und die unserer Fahrräder sind. Denn letztere sind nicht auf Offroad-Touren ausgelegt und obendrein sind wir zu schwer bepackt. Also fahren wir von San Juan, dem Dorf am Rande der Salzwüste, direkt zur chilenischen Grenze. Dort empfängt uns des Radfahrers übelster Feind: der Gegenwind. Um klar zu machen, dass es sich dabei nicht um ein laues Nordseelüftchen handelt, sollte man erwähnen, dass der Wind in dieser Region regelmäßig auf 130 km/h auffrischt und wir nun für einen Kilometer etwa 20 Minuten brauchen. Aber so hat jedes der Länder, die wir bisher bereist haben, seine Tücken. In Chile sind die Straßen in idealen Zustand, dafür muss man gegen Sandstürme antreten. Das macht Zelten nun zu einer Herausforderung für Fortgeschrittene. Wir würden ja gerne einfach ins Hotel gehen, aber das nächste steht in 300 km. Die Gegend, die wir auf dem Weg nach San Pedro de Acatama durchfahren, ist einsam. Unsere einzigen Begegnung sind Flamingos und Vikunjas. Dafür komponiert Chile scheinbar extra zu unserem Ehren ein Fernweh-Landschaftsgemälde. Die dabei eingesetzte Farbpalette ist erstaunlich. Zwischen den Vulkanen liegen flache Täler mit dürren Büschen, die Berge werden in der Ferne immer heller. Es wirkt tatsächlich wie gemalt.

Von den Menschen in Chile erfahren wir große Freundlichkeit. Die wenigen Autofahrer, die vorbeiziehen, halten an, um sich nach unserem Befinden zu erkundigen und uns Wasser zu schenken. In einer kleinen Siedlung von Minenarbeitern dürfen wir in der Dorfkirche übernachten und entgehen so einem weiteren Sandsturm. Von den heftigen Protesten und Aufständen, die das Land diese Tage in die Nachrichten bringen, bemerken wir nichts, erst besorgte Nachfragen aus Deutschland machen uns darauf aufmerksam. Soziale Unruhen gibt es auch in Ecuador und Bolivien, aber scheinbar sind wir all diesen Problemen rechtzeitig davon gefahren. In einem Monat endet unsere Tour in Saõ Paulo.

Hannah & Marius