Hannah und Marius sind keine gewöhnlichen Weltenbummler. Das junge Paar aus Hamburg reist per Fahrrad, ob an der amerikanischen Westküste, durch Europa oder als aktuelles Abenteuer in Südamerika. Auf ihren Touren setzen die CyclingCountryCollectors unter anderem auf Werkzeug, Fahrradteile und Equipment aus dem Hause CONTEC und berichten über ihre Abenteuer auf unserer Website. In diesem Beitrag schildern die beiden, wie sich ihre erste lange Etappe von Ecuador nach Peru gestaltet hat und auf welche Startschwierigkeiten sie dabei gestoßen sind,

Über Stock und Stein quer durch Ecuador

Einen Monat sind wir nun unterwegs und was wir schon alles erlebt haben, lässt sich unmöglich in einem einzigen Artikel zusammenfassen. Zuerst einmal das Wichtigste: Trotz einiger Anlaufschwierigkeiten war es die richtige Entscheidung, diese Reise auf dem Rad zu unternehmen.

Was für Anlaufschwierigkeiten? Zunächst einmal muss man sich vor Augen führen, dass in Südamerika ein anderer Wind weht, außerdem ist man hier auf Radfahrer nicht gerade eingestellt. Entwicklungsstand und Standards sind mit Europa nicht zu vergleichen. Was zunächst wenig überraschend klingt, ist es dann doch, wenn man all die Unterschiede vor Augen geführt bekommt. Ja, das weiß man doch, wenn man dorthin reist, aber in diesem Wissen auch zu leben, ist etwas völlig anderes. Aber dafür reist man schließlich.

Wir haben fünf Monate Zeit, um von Quito, Ecuador nach Saõ Paulo, Brasilien zu fahren. Diesen Artikel schreibe ich gerade in Cocachimba, Peru in einem kleinen Café mit Blick auf den viertlängsten Wasserfall der Welt. Heute ist der erste Ruhetag seit zwei Wochen, die wir auf dem Fahrrad verbracht haben. Wobei „Ruhetag“ auch nicht ganz zutreffend ist, denn obwohl die Fahrräder heute mal stehen bleiben, sind wir schon vier Stunden wandern gewesen.

Die ersten Tage sind wir von Quito aus auf der Panamericana gefahren, einer Straße, die bis auf wenige Unterbrechungen Alaska mit Feuerland verbindet. Das kam uns klug vor, da die Straße die großen Ortschaften miteinander verbindet und gut ausgebaut ist. Fahrradwege gibt es nicht, aus dem einfachen Grund, dass in Ecuador so gut wie niemand Fahrrad fährt. Und als ob wir mit unserer Körpergröße und der hellen Haut noch nicht auffällig genug wären, ziehen die Fahrräder noch zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich. Während wir also auf dem Seitenstreifen dahinradeln, machen die Autofahrer alle einen respektvollen Bogen um uns. Dauernd wird gehupt, aber schnell begreifen wir, dass das eher als ein Gruß gemeint ist und nicht als „Mach Platz!“ Die Motoren stoßen pechschwarze Abgaswolken aus, direkt in unsere Gesichter. Am Abend des ersten Fahrtages fühlen wir uns wie Kettenraucher. Der Dauerlärm stresst uns, trotz Ohrstöpseln.

Drei Tage halten wir es auf der Panamericana aus, dann platzt mir der Kragen. Das macht keinen Spaß, und diese Reise sollte Spaß machen. Wir weichen auf weniger stark befahrene Straßen aus, in denen der Asphalt zwar Löcher hat, wir aber dafür unsere Ruhe.

Die großen Städte bedeuten für uns als schwächste Verkehrsteilnehmer immer Stress. Schnell rüberziehen, einfädeln, bevor jemand anderes die Lücke füllt. Es gilt das Recht des Stärkeren. Verkehrsregeln gibt es zwar, aber niemand hält sich daran.

Das Schöne an Ecuador ist ohnehin die Landschaft. Die Berge sind gigantisch, die Straße schlängelt sich an den Hängen von einem zum nächsten, sodass wir einzelne Täler fast komplett umfahren, um einen Kilometer Luftlinie zurückzulegen. Anfangs ärgere ich mich, dass wir bei all dem Rauf und Runter so schlecht vorankommen, manchmal nur 40 km am Tag, aber bald schon nehme ich das gar nicht mehr wahr, ich fahre einfach, schaue in den Himmel, auf die dichten Wälder oder hinab in den Abgrund, gespannt, was mich hinter der nächsten Biegung erwartet. Ich will das Vagabundenleben hier nicht romantisieren, natürlich gibt es auch schlechte Tage, zum Beispiel wenn man auf dem Berg in einen Sturm gerät, der einem die Sicht nimmt, zum Schieben zwingt und bis auf die Knochen durchnässt. Aber die Natur entschädigt uns auch dafür, denn wann hat man schon einmal Gelegenheit, die Sonne aufgehen zu sehen über einem Berg, der in einem Wolkenteppich steht?

Kurzzeitig tun wir uns mit einem französischen Geschwisterpaar zusammen, die beiden wollen auf ihren Fahrrädern nach Feuerland. Sie fahren mit leichtem Gepäck, ich hatte mich schon für spartanisch gehalten, aber anscheinend kann man mit noch weniger auskommen. Tatsächlich haben Marius und ich jeder sechs Taschen: eine kleine Lenkertasche, zwei am Vorderrad, zwei am Hinterrad und eine quer über dem Gepäckträger. Aber ein Zelt, zwei Schlafmatten und Schlafsäcke brauchen halt Platz. Unsere Kleidung müssen wir andauernd waschen, da wir nicht viel dabei haben. Manchmal fahren wir also auch mit nassen Socken und Hosen über die Taschen gestülpt durch die Gegend, da wir nie irgendwo lange genug bleiben, um die Wäsche dort zu trocknen. Also sind unsere Fahrräder die Wäscheständer.

Das Tageslicht müssen wir voll ausnutzen, denn am Äquator ist es nur etwa zwölf Stunden lang hell, von 6:30 Uhr bis 18:30 Uhr. Und dann muss das Zelt stehen und das Abendessen gekocht sein, denn in der absoluten Finsternis die Berge hinab zu schlingern, ist nicht zu empfehlen. Wir kochen meistens selbst mit unserem Gaskocher, denn das Essen hier ist, gelinde gesagt, ungenießbar. Grundsätzlich wird alles frittiert und nicht gewürzt. Ein paar weitere Besonderheiten Ecuadors: Klopapier muss man immer dabei haben, denn in den Toilettenräumen ist keins. Jeder Haushalt hat mindestens einen Hund, meist mehrere, und die jagen, laut bellend, mit Vorliebe Fahrradfahrer.

Unser Alltag ist geprägt von Serpentinen, der Quälerei bergauf und dem Rausch bergab. In den kleinen Dörfern, die wir durchfahren, ist das Leben einfach, die Häuser heruntergekommen, die Leute freundlich und Internet ist ein Fremdwort. Plötzlich lernen wir, den Komfort in Deutschland ganz neu zu schätzen.

Nach drei Wochen erreichen wir die peruanische Grenze. Dort treffen wir weitere Radreisende, diese Art, ein Land zu entdecken, scheint gar nicht so unpopulär zu sein.

Die letzten Tage in Ecuador waren die härtesten und haben uns alles abverlangt, denn in der einsamen Berggegend führt nur eine Schotterpiste ans Ziel und in den letzten Tagen hat es viel geregnet. Alles, was wir dabei haben ist nass, die Fahrräder von verkrustetem Schlamm bedeckt. Erdrutsche machen Wege unpassierbar und beinahe täglich müssen wir durch einen Fluss, der über die Straße fließt. Ein weiterer Fluss trennt Peru von Ecuador, und so können wir hinübersehen, als wir den letzten Bergkamm bezwungen haben. Einmal über die Brücke, sind wir in einem anderen Land.

Und plötzlich ist auch die Straße wieder asphaltiert, es gibt 4G Empfang (das ist besser, als das,  was es in Deutschland gibt!). Vor der Grenzüberschreitung haben wir Respekt, denn uns wurden allerlei Geschichten erzählt davon, dass man alle Taschen auspacken und argumentieren müsse, wie lange man sich in Peru aufhalten wolle. Die Wahrheit aber ist, dass es die Beamten überhaupt nicht interessiert, sie einen Stempel in den Pass klatschen und das Maximum an Aufenthaltserlaubnis erteilen, das sind 180 Tage.

Unseren ersten Platten haben wir, als wir genau einen Monat unterwegs sind. Ein Kaktus ist Marius‘ Hinterrad zuleibe gerückt. Alles, was man an Werkzeug und Ersatzteilen braucht, sollte man mitnehmen, denn hier kann man nichts kaufen. Zum Glück haben wir einen Schlauch dabei, nur einen. Den Löchrigen heben wir auf, um ihn zu flicken und als Ersatz zu behalten. Und während ich hier sitze und darüber schreibe, flickt Marius gerade den zweiten Platten, wieder im Hinterreifen. Und morgen geht es dann weiter nach Süden, in Peru werden wir wohl noch sechs Wochen bleiben. Ein so großes Land braucht Zeit.

In unserem nächsten Beitrag berichten wir über unseren Trip durch Peru.

Hannah & Marius