Hannah und Marius sind keine gewöhnlichen Weltenbummler. Das junge Paar aus Hamburg reist per Fahrrad, ob an der amerikanischen Westküste, durch Europa oder als aktuelles Abenteuer in Südamerika. Auf ihren Touren setzen die CyclingCountryCollectors unter anderem auf Werkzeug, Fahrradteile und Equipment aus dem Hause CONTEC und berichten über ihre Abenteuer auf unserer Website. In diesem Beitrag erzählen die beiden von den traumhaften Landschaften Perus und ihren Erlebnissen vor Ort.

Wohin fahrt ihr?

Das ist immer die erste Frage, wenn wir in ein Dorf kommen. „Nach Saõ Paulo in Brasilien“, sagen wir dann. Die Leute schauen uns an, als würde die Antwort nicht zur Frage passen, als hätten wir sie oder sie uns falsch verstanden. Nach Brasilien mit dem Fahrrad? Das geht doch gar nicht. Und überhaupt, wieso sollte man sowas machen? Man kann doch mit dem Auto fahren.

In Peru leben viele Menschen auf dem Land, in einem Entwicklungsstand, der für uns eine fremde Welt ist. Die Menschen werden in ihrem Dorf geboren, heiraten spätestens mit Anfang 20, erben oder bauen ein Haus und bekommen eigene Kinder. Sie arbeiten auf den Feldern oder hüten ihr Vieh bis zu dem Tag, an dem sie sterben. Eine Rente gibt es nicht und der Radius, in dem sie sich zeitlebens bewegen, ist klein. Für die meisten endet er in der nächsten Kleinstadt. Dennoch haben auch in den kleinen Dörfern die Moderne und der Westen Einzug gehalten, in Gestalt von US-amerikanischen Softgetränken und Keksen, die es in den Läden zu kaufen gibt. Es ist paradox, aber wenn man sich duckt, um durch die niedrige Tür eines Lehmhauses ins innere eines kleinen Geschäftes zu schlüpfen und das dürftige Sortiment zu begutachten, sind darunter immer Coca Cola und Oreos, aber einen Liter Milch oder Käse sucht man vergebens. Die Waren, die man kaufen kann, müssen haltbar, kompakt verpackt und gut stapelbar sein. Wie unsere Ernährung in Peru aussieht, kann man sich also denken.

Unsere Gespräche mit den Einheimischen verlaufen immer gleich, eigentlich ist es nur ein Gespräch, in dem es darum geht herauszufinden, wer wir sind und woher wir kommen. Weitere Themen ergeben sich oft nicht, denn die Neugierde scheint befriedigt und wir sind schnell in der Schublade „Gringos“ verschwunden. Denn das sind wir, Fremde im Land, und das bekommen wir manchmal auch schon mal zu spüren, bspw. wenn ich über den Markt laufe und „Gringa“ gerufen wird oder wenn wir Waren kaufen und mehr Geld verlangt wird, als von der Frau, die neben uns einkauft. Da die Preise hier aber ohnehin niedrig sind, fällt es wenig ins Gewicht. Ich möchte kein negatives Bild von Peru zeichnen, denn das Land hat Reisenden unglaublich viel zu bieten. In erster Linie ist es bunt und traditionell. Außerdem bringt es einem bei, sich auf das Wichtige zu konzentrieren, sich der Frage zu stellen: Was brauche ich eigentlich? Denn auch wenn die Auswahl an Lebensmitteln und Waren viel kleiner ist als von uns gewohnt, erkennt man bald, dass man alles hat, was man benötigt. Ein Beispiel: Bei einem Sturz ist mir eine Flaschenhalterung gebrochen und ein Transport auf der Ladefläche eines Pickups hat meinen Seitenspiegel zerstört. Beides mussten wir ersetzen und beides haben wir gefunden, in einem kleinen Fahrradladen in Huaraz. Das hat eine ganze Weile gedauert, zuhause hätte ich nur zum Fachhändler um die Ecke gehen müssen, aber wie sehr habe ich mich gefreut, als ich nach langem Stöbern genau das Richtige gefunden hatte. Es war wie Weihnachten, etwas Besonderes eben.

Wir haben Peru vor über einem Monat über den Grenzübergang bei Namballe erreicht, sind dann nach Jaén gefahren und haben von Chachapoyas aus die Ausgrabungsstätte Kuelap besichtigt, um zwischen den vielen Radeltagen auch von der geschichtsreichen Kultur des Landes etwas mitzubekommen. Unser Weg führte uns weiter über Cajamarca und Cajabamba, Huamachuco (wo es auf dem Markt tatsächlich Käse gab), Pallasca (wo ich Marius überreden konnte, endlich mal einen Tag Pause zu machen) und Caraz nach Huaraz, wo wir jetzt sind. Wenn man sich das auf der Karte so betrachtet, ist das ganz schön weit und wir haben mehr gesehen und erlebt, als sich hier aufzählen lässt. Tatsächlich war es keinen einzigen Tag langweilig, auch nicht, wenn wir acht Stunden am Tag auf dem Fahrrad saßen, denn in Peru geht es nie einfach nur geradeaus. Uns werden jeden Tag wechselnde Landschaften geboten, und ich spreche bewusst im Plural, denn so unterschiedlich, wie sich das Panorama darstellt, ist es kaum zu glauben, dass es sich um eine zusammenhängende Welt handelt. Und doch ergibt alles irgendwie ein stimmiges, großes Ganzes.

Frühmorgens, wenn wir losfahren, liegen die Berge noch im Schatten und man kann beobachten, wie sich die Sonne binnen einer Stunde bis an ihre Füße vorarbeitet, den nächtlichen Frost von den Gräsern auftaut und die Straße vor uns erst rötlich, dann golden beleuchtet. Diese Morgenstunden sind uns die liebsten, denn dann ist es noch kühl und wir schaffen mehr Kilometer. Tagsüber dann wird es heiß und trotzdem müssen wir der Versuchung widerstehen, in kurzen Hosen und kurzärmeligen Trikots zu fahren, denn meist sind wir in Höhenlagen um die 3000 m unterwegs und die Sonne würde unsere Haut verbrennen.

Da sind wir dankbar, wenn wir ab und an mal durch einen in den Berg gegrabenen Tunnel fahren können, wie sie zwischen Caraz und Huaraz zahlreich vorkommen. Das ist zwar einerseits gefährlich, denn auf der einspurigen Fahrbahn rast einem im Dunkeln auch gerne mal ein LKW entgegen, dessen Fahrer erwartet, dass man augenblicklich Platz macht (im Verkehr gilt das Recht des Stärkeren), aber dafür bieten die künstlichen Durchgänge kühlere Temperaturen.

Es wird nie langweilig bei uns, denn wer jeden Tag weiterzieht, fährt auch immer neuen Herausforderungen, häufig in Form von Straßensperrungen und Bauarbeiten, entgegen. Von einer möchte ich hier erzählen: In der Nähe von Pallasca hatten wir die Wahl, entweder den Berg über 22 km und 1200 Höhenmeter hinauf in eben jene Kleinstadt zu fahren, oder durch eine Schlucht am Fluss entlang weiter nach Süden. Da die Straße nach oben (wegen Bauarbeiten) geschlossen war, entschieden wir uns für die zweite Alternative. Das war einerseits eine gute, andererseits eine schlechte Entscheidung, denn die „Straße“ durch die Schlucht entpuppte sich als eine kaum befahrbare, schmale Kieshalde, neben der es ohne Absicherung gut hundert Meter in die Tiefe ging. Büsche und Gräser auf der angeblichen Fahrbahn bewiesen, dass der Verkehr hier schon lange eingestellt wurde. Landschaftlich hingegen war dies der schönste Abschnitt, den wir bis dato gefahren (oder eher geschlittert) waren. Der Fluss tief unten war zu einem Rinnsal im breiten Flussbett verkommen, da das Wasser für die zahlreichen Mienen in dem Gebiet abgepumpt wird, aber das tat der Optik der Landschaft keinen Abbruch. Wir hatten die Schlucht ganz für uns alleine, die mächtigen Berge umzingelten uns von allen Seiten. Leider war ich von einem Sturz am Vortag ziemlich mitgenommen und von Schürfwunden übersät, das Fahren auf der schlechten Strecke erforderte sehr viel Konzentration, um nicht abzurutschen und zu allem Übel hatten wir nicht mit der Einsamkeit der Strecke gerechnet: Das Wasser wurde knapp. Nach 17 km und am Ende unserer Nerven, ausgebrannt von der Sonne und erschöpft davon, uns vorwärts zu kämpfen, führte der Weg hinab ins Flussbett. Wir mussten den Fluss überqueren, um auf der anderen Seite weiterfahren zu können. Wie sich später herausstellen würde, ging es dort aber gar nicht weiter, weil der Weg verschüttet war. Das fanden wir leider erst heraus, nachdem wir alle Taschen von den Fahrrädern abgenommen und einzeln durch die kniehohe, reißende Strömung getragen hatten, zuletzt die Fahrräder.

Auf unseren Irrtum machte uns erst der Fahrer eines mit Bauarbeitern voll besetzten Kombis aufmerksam, die ebenjenen Erdrutsch beseitigen wollten. Dies sollte aber noch eine Woche dauern. Wir waren also gestrandet. Um 17 Uhr würden sie Feierabend machen und zurückfahren, uns könnten sie dann mitnehmen. Also bauten wir aus den Fahrrädern und einer Plane einen Sonnenschutz und warteten knappe drei Stunden im Flussbett ohne Trinkwasser. Das Flusswasser zu trinken wäre wegen der zahlreichen Mienen keine gute Idee gewesen. Als das Auto, früher als angekündigt, zurückkam, war es bis auf den Fahrer leer. Entgegen seiner vorherigen Versicherung wollte er uns nun aber doch nicht mitnehmen, wir sollten auf ein zweites Auto warten, das eine Stunde später kommen würde. Da uns nichts Anderes übrig blieb, taten wir das. Pünktlich um 17 Uhr kam ein ehemals weißer Pickup durch den Fluss gefahren, zwei Bauarbeiter vorne, vier auf der Rückbank und zwei auf der Ladefläche, die zudem mit schweren Gerätschaften beladen war. Aber das war uns egal, dieses Auto war unsere einzige Chance, hier wegzukommen. Wir stellten uns mitten in den Weg und zwangen es so, anzuhalten. Darüber hinaus wedelten wir auch mit Geldscheinen, um den Fahrer zu überzeugen, uns zu helfen. Die Männer unterstützten uns schließlich, Taschen und Fahrräder aufzuladen und mir wurde sogar ein Sitzplatz im Innenraum angeboten, wo ich, eingequetscht zwischen drei glücklicherweise kleinen Peruanern, die nächsten zwei Stunden verbrachte. Marius musste auf die Ladefläche, was ihm aber ganz lieb war, denn so konnte er während der holprigen Fahrt unsere Sachen festhalten. Die Männer brachten uns in ihr Heimatdorf, das in der völlig falschen Richtung lag, uns aber letztendlich völlig egal war. Dort angekommen kauften wir erstmal je drei Liter Wasser und Cola, gingen in einem kleinen Imbiss etwas essen und überzeugten unseren Retter mithilfe einiger weiterer Geldscheine, uns noch in der Nacht nach Pallasca zu fahren. Die Straße, die am Vormittag gesperrt gewesen war, sei nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang freigegeben, erläuterte er uns. So kamen wir um 22 Uhr doch noch dort an, wo wir am Morgen schon versucht hatten, hin zu gelangen.

So nahm diese Geschichte doch noch einen guten Ausgang und war uns zudem eine Lehre: Nimm nicht die einsame Straße. Hier könnten noch viele weitere Fahrrad-Abenteuer erzählt werden, von engen Kurven und weiten Distanzen, von versteckten Bergseen und schneebedeckten Pässen, von anderen Reiseradlern, mit denen wir uns angefreundet haben, aber die findet ihr alle in unserem Blog unter www.cyclingcountrycollectors.com. Im nächsten Gastbeitrag Anfang Oktober berichten wir über Bolivien und die bei Reiseradlern so beliebte Salar de Uyuni.

Hannah & Marius