Hannah und Marius sind keine gewöhnlichen Weltenbummler. Das junge Paar aus Hamburg reist per Fahrrad, ob an der amerikanischen Westküste, durch Europa oder als aktuelles Abenteuer in Südamerika. Auf ihren Touren setzen die CyclingCountryCollectors unter anderem auf Werkzeug, Fahrradteile und Equipment aus dem Hause CONTEC und berichten über ihre Abenteuer auf unserer Website. In diesem Beitrag schildern die beiden ihre Eindrücke aus Bolivien. 

Auf zwei Rädern in zwei Landschaften

Wir stehen an der Grenze. Dass es eine Grenze ist, erkennt man nicht an einer Schranke, nicht an patrouillierenden Militärs, nicht an einer Passkontrolle, sondern schlichtweg daran, dass der Asphalt endet. Hinter dem Asphalt liegt eine sandige, mit Steinen durchsetzte Piste. Eine schlichte, weiße Steinsäule steht am Straßenrand, Peru steht auf der einen, Bolivien auf der anderen Seite. Vermutlich ist dieser Schotterweg die visuelle Zusammenfassung dessen, was uns in Bolivien erwartet: schlechtere Straßen. Etwas spektakulärer hatten wir uns das schon vorgestellt, aber letztlich muss man sich nur im letzten Dorf auf peruanischer Seite ausstempeln und dann im ersten bolivianischen Dorf wieder einstempeln. Die letzten zwei Tage sind wir nördlich der Titicaca Sees entlang geradelt unter traumhaften Radfahrer-Bedingungen, kein Wind, flach, schlaglochfrei asphaltiert, tolle Ausblicke auf das tiefblaue Wasser mit einigen malerischen Schäfchenwolken darüber. Der See ist so riesig, dass man denken könnte, man stünde am Meer. Kleine Wellen kräuseln das Wasser, vereinzelte Fischerboote schwimmen darauf. Die Nordseite des Sees ist noch nicht von Touristen erobert, wir haben die Aussicht ganz für uns. Sowas bekommt man, wenn man auf dem Fahrrad reist: Ausblicke. Inzwischen sind wir zu viert unterwegs, gemeinsam mit einem deutschen Paar, das wir kurz hinter Cusco getroffen haben. Da wir uns ihrem Tempo angepasst haben, kommen wir zügig voran und schaffen viele Kilometer. Das tut unserem Zeitplan gut, denn über die Hälfte unserer Reise ist bereits vorüber.

Wir sitzen auf, treten in die Pedale, eine Radumdrehung und wir sind drüben, in Bolivien, Land drei auf unserer Südamerika-Fahrt. Heute müssen wir noch bis Puerto Acosta kommen, um unsere Aufenthaltsgenehmigung abzuholen. Bolivien empfängt uns mit eiskaltem Gegenwind, gegen den wir über 20 km antreten. Wir sind noch immer hoch in den Bergen, die Landschaft ist karg, die grauen Felswände bestimmen das Bild, die einzigen Pflanzen sind hellbraune, trockene Gräser. Aber das wird sich bald ändern, denn wir wollen die Berge verlassen und in den Dschungel. Bolivien ist landschaftlich, ebenso wie Peru, unglaublich vielfältig, eine Aneinanderreihung unterschiedlichster Lebenswelten. In den vegetationsarmen Bergen leben Lamas und Kühe, aber je tiefer man kommt, desto reicher wird die Natur an Tieren und Pflanzen. Dschungel gibt es natürlich auch in Peru, aber dort sind wir fast nur in den Bergen gefahren. Bevor wir allerdings in die grüne Region kommen, gilt es noch einige hundert Kilometer zurückzulegen und zwei Pässe zu überwinden. Die Gegend ist schlecht erschlossen und es gibt nur wenige Straßen, von denen wiederum nur die Hälfte auf digitalen Karten verzeichnet ist. Um die Route zu planen, liest man am besten Blogs anderer Radreisender, checkt Satellitenbilder oder fragt die Leute hier. Wir wollen nach Mapiri und von dort mit einem Boot nach Guanay.

Trotz meiner optimistischen Hoffnungen werden die Straßen eher schlimmer als besser, am ersten Tag schaffen wir gerade einmal 26 km, ehe die Dämmerung hereinbricht. Düster ist es allerdings schon vorher, denn die Wolken hängen tief und versperren die Sicht. Es ist kühl und windig, daher sind wir froh, in einem verlassenen Haus übernachten zu können. Am nächsten Tag stehen wir vor einer schweren Entscheidung: die direkte Straße nach Mapiri nehmen, mit nur zwei Dörfern auf dem Weg, oder einen Umweg von 100 km machen, auf dem man zwischendurch mal in einen Bus steigen könnte? Über die Straße nach Mapiri haben wir von Einheimischen sehr unterschiedliche Informationen erhalten. Einige sagten, es sein kaum mehr als ein Eselpfad und die Brücken seien weggeschwemmt, andere, die Straße sei wunderbar fahrbar und dem Umweg definitiv vorzuziehen. Jetzt stehen wir an der Abzweigung (ein Eselpfad ist es schonmal nicht) und sind ratlos. Aber es kommen Autos von besagter Straße, also kann sie so unpassierbar wohl nicht sein. Der schwarze Hund, der sich während der letzten Teepause zu uns gesellt hat, läuft uns nach, als wir uns endlich überwinden und die kürzere Straße nehmen, immer noch unsicher, was genau uns erwartet. Wir werden mit tollen Bildern belohnt, die Landschaft hier wirkt sich selbst überlassen und unberührt, grasende Lamas beobachten uns neugierig. Sie heben die Köpfe, wenn wir vorbeifahren, und folgen uns mit ihren Blicken.

Bei Sonnenuntergang rutscht das Thermometer schlagartig in Minusgrade ab und der Wind frischt auf. Mit unbändiger Kraft zerrt er an der Zeltplane, fährt mit eisigem Hauch darunter und beschert uns eine ruhelose Nacht. Bis zum ersten Pass geht es am nächsten Tag stetig bergauf. Wir begegnen keiner Menschenseele. Zwischen dem ersten und dem zweiten Pass liegt ein Tal, sodass wir noch einmal einige hundert Höhenmeter erklimmen müssen. Die letzten Pflanzen haben wir schon vor Kilometern hinter uns gelassen, Steinformationen haben die Vegetation abgelöst. Die zackigen Spitzen der Berge ragen in die tiefhängenden Wolken, die Welt besteht aus grau und weiß, mit ein paar bunt gekleideten Radfahrern darin. Der Weg zehrt an unseren Kräften, aber als wir den Pass auf 4800 Höhenmetern erreichen, sind wir glücklich. Sogar der Hund hat es geschafft, hechelnd liegt er auf der Straße und wartet darauf, ein paar trockene Brötchen zu bekommen.

Auf der anderen Seite ist es viel grüner, und: Es geht bergab! Endlich! Plötzlich sind wir wieder voller Energie und begierig darauf, das sich uns neu eröffnete Panorama zu erkunden. In den nächsten drei Tagen verlieren wir immer mehr an Höhe, lassen uns einfach die Straße hinab rollen, mal mit mehr und mal mit weniger Unebenheiten. Streckenweise können wir auch nur mit angezogenen Bremsen fahren, weil die Straße völlig versandet ist oder nur aus faustgroßen Felsbrocken besteht. Am dritten Tag setzt sich auch der Hund ab, außer Stande, mit unserem Tempo weiter mitzuhalten. Wenigstens ist er drei Tage gut gefüttert worden.

Obwohl auf unserer Karte anders eingezeichnet, stehen wir immer wieder vor Straßen, die es nicht gibt oder einem Nichts, wo eine Straße eingezeichnet ist; es geht bergauf, wo das Höhenprofil bergab anzeigt und wir kommen durch Dörfer, die in der digitalen Welt nicht existieren. Egal, wie viel man plant, der Weg überrascht einen doch. Es wird immer grüner und immer lauter um uns herum, die Straße ist von Bäumen gesäumt, an denen Lianen baumeln, riesengroße Blätter überspannen den Weg, es raschelt im Gebüsch und bunte Vögel krächzen und singen in den Wipfeln. Wir sind in einem völlig neuen Lebensraum, dessen Verbindung mit den nahen Bergen unwirklich erscheint. Sind das wirklich nur 80 km? Wie können zwei so verschiedene Welten so nah beieinander existieren? Aber auf der Fahrradtour konnten wir sehen, wie langsam eins ins andere übergeht, wie aus kleinen Sträuchern gigantische Bäume wurden. Das Umfeld hat unwahrscheinlich viel zu bieten, man weiß gar nicht, wohin man seinen Blick vom Fahrrad aus lenken soll, weil es so viel zu sehen gibt. Die Luft ist schwül und heiß, zum Glück durchziehen zahlreiche Bäche den Wald, in denen man sich abkühlen kann. Das Fahren ist auf eine neue Weise anstrengend: In der Hitze bringt der Körper weniger Leistung. Der Schweiß läuft in Strömen. Wir halten unsere Hüte ins Wasser, lassen sie volllaufen und setzen sie wieder auf, um uns eine kalte Dusche zu verschaffen. Die Bäche laufen einfach über die Straße, manche sind schmal und seicht, andere breit und tief. Da bekommt man bei der Durchfahrt auch mal nasse Füße.

Auf der Karte sah der Weg nach Mapiri irgendwie viel leichter aus. Heute kommen wir an, denken wir, als wir morgens aufstehen. Es sind noch etwa 70 km. Aber wir haben uns überschätzt, die in Wellen verlaufende Straße bremst und aus und am Nachmittag haben wir erst 40 km geschafft. Um 18:30 Uhr wird es dunkel. Als ein alter, klappriger Pickup an uns vorbeizieht (es ist erst das dritte Auto, das wir heute sehen), fragen wir, ob wir mitfahren dürfen. Die drei Männer sind sehr hilfsbereit und wuchten die Fahrräder auf die Ladefläche. Wir quetschen uns dazwischen, der Fahrer rast los, viel zu schnell auf der holprigen Piste, der Wagen schwankt gefährlich hin und her. Wir überspielen unsere Nervosität mit Lachen. Gemeinsam mit der Dämmerung zieht ein Gewitter auf, es beginnt zu regnen und der Donner schallt über die Baumkronen. Der Anblick ist beeindruckend und beängstigend zugleich. Die Nacht verbringen wir in Mapiri in einem überhitzten Zimmer, es gibt keine Dusche, sondern nur einen Eimer zum Waschen und im Nachbarzimmer wird so viel gekifft, dass eine Graswolke durch den ganzen Flur wabert.

Bis nach Guanay bringt uns am nächsten Morgen ein hölzernes Boot, das wir im kleinen Hafen auftreiben. Die Fahrräder werden vorne in den Bug gestapelt, wir nehmen auf einer schmalen Sitzbank Platz und fahren auf den Fluss hinaus. Von hier sieht der Dschungel noch einmal ganz anders aus, direkt am Ufer drängen sich doppelt so viele Pflanzen pro Quadratmeter wie zuvor. Im Fluss stehen gewaltige Inseln aus Stahl mit Baggern darauf, chinesische Firmen bauen hier Gold ab. Die Flusssteine werden auf einem Förderband gewaschen, die großen plumpsen zurück ins Wasser. Es ist unglaublich laut. In Deutschland war in den Nachrichten oft von der Rodung des brasilianischen Waldes die Rede, vom bolivianischen Regenwald spricht keiner, obwohl die Zerstörung hier genauso markante Bilder liefert.

Reisen ist nicht immer nur schön. Aber es ist ehrlich. Man sieht, wie das Land wirklich ist.

Hannah &  Marius